Gin pur oder gemischt? Hör auf zu streiten.
Samstag, 16 Uhr, Messestand. Zwei Gläser, zwei Meinungen, ein Gin dazwischen.
Links steht Herr Schwarz. Er sagt: Guter Gin gehört pur ins Glas, alles andere ist Verschwendung. Rechts steht Frau Weiß. Sie sagt: Gin ist zum Mixen da, pur trinkt den doch keiner freiwillig.
Und ich stehe dazwischen, mit der Flasche. Seit über zehn Jahren. Kennst du die Szene? Dann bist du jetzt mittendrin. Bleib da.
Herr Schwarz: Gin gehört pur ins Glas
Sein Argument: Ein Gin, der etwas kann, braucht nichts. Wacholder, Zitrus und die Würze der Botanicals sind in der Flasche, nicht im Tonic. Wer ihn verdünnt, versteckt ihn. Wer ihn pur trinkt, schmeckt, was der Destillateur gebaut hat.
Und er hat recht. Ein London Dry Gin mit 46,5 % vol. trägt das. Wenn du nur einmal im Jahr einen Gin ernst nimmst, dann pur und langsam.
Frau Weiß: Gin ist zum Genießen mit Freunden da
Ihr Argument: Gin ist der freundlichste Spirit der Welt. Er macht aus Tonic mehr als Tonic, aus Zitrone einen Moment und aus Eis Gesellschaft. Basil Smash, Negroni, Gin Tonic: Es gibt Gründe, warum diese Drinks überleben.
Und sie hat auch recht. Gin lebte von der Mischkultur, lange bevor es Forschung dazu gab. Wer ihn nur pur zulässt, verbietet ihm sein halbes Leben.
Mehr dazu: Gin Tonic, Gin-Rezepte.
Und dann geht es los
So oder so ähnlich klingt das, laut und freundlich, mit einem Glas in der Hand:
Du stehst mittendrin und weißt nicht mehr, wem du glauben sollst. Gut so. Denn die Frage ist falsch gestellt.
Die falsche Frage
Nicht: Was ist richtig? Sondern: Worauf hast du heute Lust? Das ist keine Ausrede, dazu gibt es Forschung.
Der Raum schmeckt mit
2013 ließ ein Team um den Oxford-Psychologen Charles Spence rund 450 bis 500 Menschen denselben Whisky trinken, in drei Räumen: grasig, süß, holzig. Im Gras-Raum wurde er grasiger bewertet, im Süß-Raum süßer, im Holz-Raum holziger. (Live Science, Studie in Flavour)
Selbst „pur“ ist keine feste Größe
2017 zeigte eine Simulation von Karlsson und Friedman: Bei Whisky reichert sich unterhalb von etwa 45 bis 27 % vol. ein Aromastoff (Guaiacol) an der Oberfläche an und verändert Geruch und Geschmack. Ein Tropfen Wasser ist also Chemie, kein Frevel. (ChemistryViews, Scientific Reports)
Das Grau dazwischen: Dein Anlass entscheidet
Herr Schwarz hat recht. Frau Weiß hat recht. Und beide haben nur die Hälfte erzählt. Das Grau dazwischen ist kein fauler Kompromiss, es ist die ganze Wahrheit: Wie du Gin trinkst, hängt von dem Abend ab, den du gerade hast.
| Anlass | So würde ich ihn trinken |
|---|---|
| Vor dem Essen | Kalt und knapp: Gimlet, Martini oder ein Gin Tonic mit wenig Tonic |
| Zum Essen | Ein Longdrink mit Zitrus, der den Gaumen frisch hält |
| Nach dem Essen | Ein kleiner Schluck pur, ohne Eile, daneben ein Glas Wasser |
| Zur Erfrischung | Gin Tonic, Basil Smash, viel Eis |
| Auf der Feier | Etwas mit Bläschen: French 75 |
| Beim Date | Zwei Gläser, eins pur zum Probieren, eins gemixt. Gesprächsstoff inklusive. |
| Mit einem spannenden Buch | Pur, ein Tropfen Wasser, viel Zeit |
Das ist keine Wissenschaft, sondern meine Erfahrung aus zehn Jahren und tausend Gesprächen am Stand. Mach dir daraus deine eigene Tabelle.
Die eine Ausnahme: Smoke & Oak
Es gibt einen Gin von uns, den ich nicht in den Gin Tonic stecke: Smoke & Oak. Er trägt Lapsang-Souchong-Pearls, geräucherten Tee, und ruhte einige Wochen im Eichenfass. Das ist ein Gin für Gläser, in denen etwas Zeit liegt, nicht für Eiswürfel und Tonic.
Das deckt sich mit dem, was Barprofis über fassgereiften Gin sagen: Die Reifung rundet die Aromen ab, und Tonic übertönt genau das, was diese Gins besonders macht (Alcohol Professor). Lapsang-Rauch trägt außerdem in bitteren, gerührten Drinks weiter als im langen Tonic (Punch).
Was stattdessen passt:
- Negroni
Bittere Aperitifs tragen Lapsang-Rauch weiter. Auch Bars nutzen Lapsang-Tee in Negroni-Varianten.
- Martinez
Gilt bei fassgereiftem Gin als nahezu unumstritten.
- Old Fashioned
Gin wie Whiskey behandeln. Richtwert aus der Praxis: 6 cl Gin, ½ TL Demerara-Sirup, 2 bis 3 Spritzer Angostura, Zeste, auf Eis gerührt.
- Bee's Knees
Honig plus Gin mit Fassnote kann den Drink laut Punch komplett verwandeln, mit einem herzhaften Gegenpunkt zur Süße.
Deine drei Spielregeln
- Probier ihn immer erst pur. Ein Schluck, kleines Glas, zwei Minuten. So weißt du, womit du arbeitest.
- Dann gib ihm, was der Abend braucht. Eis, Tonic, Zitrus, Zeit. Alles erlaubt.
- Hör auf, anderen ihre Art vorzuschreiben. Wer pur trinkt, ist kein Snob. Wer mixt, ist kein Banause.
Für beide Seiten gebaut: Unser London Dry Gin (46,5 % vol.) kann beides. Der Navy Strength (57,2 % vol.) ist die ehrlichste Brücke: Pur mit einem Tropfen Wasser öffnet er sich, im Gin Tonic reichen 3 cl.
Häufige Fragen
Wie trinkt man Gin pur?
In einem kleinen Glas, ohne Eile. Erst riechen, dann einen kleinen Schluck. Wenn er dir zu scharf ist, hilft ein Tropfen Wasser. Das ist kein Fehler, sondern Technik.
Ist es falsch, guten Gin zu mixen?
Nein. Gin war schon immer ein Mixgetränk. Ob pur oder gemischt, hängt vom Anlass und von deiner Lust ab, nicht von der Qualität des Gins.
Welcher Gin eignet sich pur?
Jeder Gin, der dir pur schmeckt. Ein London Dry mit ausgeprägtem Wacholder und hoher Alkoholstärke trägt es besonders gut.
Passt Smoke & Oak in einen Gin Tonic?
Nicht ideal. Rauch und Fass kommen in gerührten Drinks wie Negroni, Martinez oder Old Fashioned besser zur Geltung.
Und jetzt sag mir: Was trinkst du heute Abend?
Wacholdrige Grüße!
Jörg
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